Kundgebung der Querdenker 702 in Wendlingen

06.11.2020

WENDLINGEN. (red) - Der neunjährige Louis-Manou Müller eröffnete die Versammlung der Querdenker 702 am Donnerstag (05.11.2020) auf dem Wendlinger Marktplatz. Er bekräftigte: "Ich will auf dieser Bühne stehen, ich will reden und ich wurde nicht gezwungen." Er kritisierte die Maskenpflicht an der Schule und macht sich Sorgen über die Impflicht. Sein erster Demonstrationsauftritt in Wendlingen, Kirchheim und Nürtingen hatte im Nachgang in den Medien für heftige Diskussionen gesorgt. Auf den sozialen Plattformen war mitunter von Kindesmissbrauch die Rede. Er wolle doch nur für die Freiheit kämpfen und auf die widrigen Umstände an den Schulen wegen der Maskenpflicht aufmerksam machen, rief er den Teilnehmern zu Beginn der Versammlung zu.

Etwa 60 Personen nahmen an der Kundgebung in Wendlingen teil.
Etwa 60 Personen nahmen an der Kundgebung in Wendlingen teil.

Der Raum auf dem Marktplatz war mit rotweißen Flatterbändern abgesperrt und vom Veranstalter beauftragte Ordner sorgten für die Einhaltung des Mindestabstands, weil die Demonstranten auf Mund- und Nasenschutz bewusst verzichteten. Eine Teilnehmerin zeigte sich über die Wahrnehmung der Öffentlichkeit erstaunt: "Wir wurden mit den extremen Seiten der Politik verglichen, dabei sind wir doch alle aus der Mitte der Gesellschaft." Erbost war sie über das Framing. "Wir distanzieren uns vom Extremismus und wollen nicht in eine Schublade gesteckt werden."

Daniel Benjamin beklagte in der Folge die Auswirkungen der Corona-Verordnungen. "Wir Musiker haben praktisch seit acht Monaten Berufsverbot. Wir sind die Leidtragenden, die nichts mehr verdienen." Uneins ist Daniel Benjamin mit den Landeskirchen: "Sie machen von ihrem Hausrecht Gebrauch und lassen niemanden ohne Maske in die Gotteshäuser." Die Querdenken verlautbarten, das Gespräch mit den Pfarrern zu suchen.

Die 12-jähriger Schülerin Lara zeigte sich während der Kundgebung in Wendlingen wütend über die Maskenpflicht an der Schule. "Wir müssen diese bis zu acht Stunden am Tag tragen." Wenn man sie kurz runterziehe, hagele es von Seiten der Lehrer gleich Ermahnungen oder sogar einen Eintrag ins Klassenbuch. Genervt ist Lara vom ständigen Lüften: "Alle 20 Minuten heißt es Fenster auf und Jacken an." Sie hat das Gefühl, dass die Lehrer nur noch damit beschäftigt seien, die Coronaregeln zu beachten. Nach der Kundgebung setzte sich der Tross, eskortiert durch Polizeibeamte, mit Fahrrädern in Richtung Kirchheim in Bewegung, wo eine weitere Kundgebung auf dem Ziegelwasen abgehalten wurde.

Mit dem Fahrrag ging es weiter nach Kirchheim.
Mit dem Fahrrag ging es weiter nach Kirchheim.


Stimmen zur Kundgebung

Am Rande der Veranstaltung in Wendlingen gab es zwar keine Gegendemonstration, dennoch schüttelten einige Passanten ratlos den Kopf. "Das ist unvernünftig", hieß es von einigen. Der Auftritt von Louis-Manou Müller gab zu reden: "Der Junge wird als Süßbonus eingesetzt, weil Kinder kaum angreifbar sind." Eltern von Schülern zeigten für die Maskenverweigerung kaum Verständnis: "Die Akzeptanz der Kinder für Mund- und Nasenschutz an den Schulen ist hoch."


Steffen Weigel, Bürgermeister
Steffen Weigel, Bürgermeister

Steffen Weigel, Bürgermeister in Wendlingen, findet klare Worte für die Kundgebung in seiner Stadt: "Das Landratsamt hat die Demonstration mit Auflagen genehmigt. Rein moralisch kann kein Neunjähriger die Versammlungsleitung übernehmen." Das Versammlungsrecht müsse hochgehalten werden, das ist im Grundgesetz verankert. "Persönlich erfüllen mich die Inhalte dieser Versammlung mit großer Besorgnis." Er berichtet von einem Gespräch zwischen den Organisatoren der Kundgebung und der Stadt: "Es war keine Annäherung möglich, ich fühlte mich wie auf zwei verschiedenen Planeten." Bei diesem Gespräch seien Dinge gesagt worden, die jeder Grundlage entbehren, sagte Steffen Weigel auf Anfrage. Wie er mitteilte, habe er das Gespräch nach 30 Minuten abgebrochen. "Ich bin froh, dass in Deutschland demonstriert werden darf, auch wenn ich die Ansichten der Querdenken nicht teile." Der Wendlinger Bürgermeister will Gespräche mit den Demonstranten jedoch offenhalten.

Andreas Schwarz, MdL, Grüne
Andreas Schwarz, MdL, Grüne

Andreas Schwarz, Fraktionssprecher der Grünen im Landtag von Baden-Württemberg sieht Demonstrationen als hohes Gut in Deutschland. "Allerdings kann ich vor Demonstrationen, die gegen die Schutzmaßnahmen gerichtet sind, nur warnen. Ich appelliere an alle, sich keinen falschen Verbündeten anzuschließen." Er stellt klar: "Gegenüber Rechtspopulisten und Verschwörungserzähler, die jede Einsicht in notwendigen Bevölkerungsschutz vermissen lassen und krude und unwahre Geschichten erzählen, zeigen wir klare Kante." Die Auflösung von Querdenker-Versammlungen hält Andreas Schwarz für durchaus möglich: "Demonstranten, die sich bewusst über den Schutz der Gesundheit, also Abstand halten und Maske tragen, hinwegsetzen, handeln unsolidarisch und fahrlässig. Erforderlichenfalls können solche Demonstrationen, wenn von Ihnen eine Gefahr hervorgeht, aufgelöst werden."