KIRCHHEIM: Corona prägt 1.-Mai-Kundgebung

03.05.2021

Die Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) am 1. Mai in Kirchheim war im Vorfeld umfangreicher geplant. Nebst den Reden auf dem Marktplatz standen nämlich auch der "Marktplatz der Ideen" und ein anschließender Demonstrationszug auf dem Programm. "Die 7-Tages-Inzidenz stieg über den Bundesdurchschnitt und wir stellten uns die Frage, ob und wie wir die Gesamtveranstaltung durchführen können", erklärte Hans Dörr, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die Reduzierung der Aktionen.

KIRCHHEIM. (red) - Rund 50 Teilnehmer fanden sich am Samstag auf dem extra abgesperrten Bereich auf dem Marktplatz ein, um sich, gemäß dem DGB-Motto solidarisch für die Zukunft zu zeigen. Kreuze auf dem Boden markierten dabei die Stehplätze, damit der geforderte Abstand eingehalten werden konnte. Oberbürgermeister Dr. Pascal Bader, der das Grußwort der Stadt überbringen sollte, ließ sich entschuldigen. "Ich kann als Stadtoberhaupt nicht einerseits die maximale Vermeidung von Kontakten propagieren und andererseits persönlich an einer Kundgebung auftreten", zitierte ihn Hans Dörr. Pascal Bader, der seit einem Jahr die Geschicke der Teckstadt lenkt, ließ durch Heinrich Brinker ausrichten, dass eine starke Gewerkschaft gefordert sei, um in der Pflege- und Medizinbranche für Verbesserungen zu streiten. 

Cuno Brune-Hägele, Geschäftsführer des Verdi-Bezirks Stuttgart, mahnte an der Kundgebung: "Die Situation in den Kliniken spitzt sich dramatisch zu." Die Lage der Beschäftigten in den Krankenhäusern sei schon vor der Pandemie angespannt gewesen. Der Verdi-Boss ist überzeugt: "Der Personalmangel sowie Fehlanreize durch die Finanzierung bringen die sichere Versorgung der Bevölkerung an ihre Grenzen." Er warf den Verantwortlichen vor, dass Gesundheit zur Ware werde und forderte eine Umstellung bei der Finanzierung von Krankenhäusern. "Statt für die Behandlung von Patienten Preise zu bezahlen, sollen alle bedarfsnotwendigen Kosten erstattet werden." Um den Kollaps im Pflegebereich zu verhindern brauche es genügend und vor allem sehr gut bezahlte Beschäftigte in den Kliniken und der Pflege. Cuno Brune-Hägele brach in seiner jedoch nicht nur für die Beschäftigten im Gesundheitswesen eine Lanze, sondern für fast alle Berufssparten, die gerade in der Pandemiezeit einem erheblichen Risiko ausgesetzt sind. "Sie halten den Laden am Laufen, obwohl sie sich tagtäglich einer erhöhten Infektionsgefahr aussetzen."

Das Ziel sei eine finanzielle Aufwertung der entsprechenden Berufe sowie verbesserte Arbeitsbedingungen. Dem Applaus und den Sonderboni müssen die allgemeinverbindliche Tarifbindung und die Erhöhung der Einkommen folgen. Der Verdichef kritisierte, dass viele Unternehmen die Pandemie als Argumentation nützen, um den betrieblichen Umbau voranzutreiben. "Das Missmanagement wird auf dem Rücken der abhängig Beschäftigten ausgetragen", behauptete Cuno Brune-Hägele und stellte fest, "die Krisen im Handel sind hausgemacht, die Pandemie legt diese nur offen." Von Seiten des DGB gibt für die begonnenen Tarifverhandlungen klare Ziele: "Wir fordern für die 5,1 Millionen Beschäftigten im Handel Gehalts- und Lohnerhöhungen von 4,5 Prozent sowie 45 Euro für alle." Er machte deutlich, wohin die Reise geht, sollten sich die Arbeitgeber nicht bewegen: "Dann bewegen wir die Arbeitgeber und statt "Click and Meet" heißt es dann Click und Streik." Der Gewerkschaftsvertreter richtete an der Kundgebung einen sorgenvollen Blick auf die Zeit nach der Pandemie: "Wenn Corona der Vergangenheit angehört, kommt die Rechnung für die Krise. Dann sollen, wie es bereits heute sichtbar ist, die Hauptlasten auf die Allgemeinheit abgewälzt werden." Er fordert deshalb, dass Konsequenzen aus der Krise gezogen werden. Mit seinem Credo: "Wir zahlen nicht für eure Krise - nicht auf unserem Rücken", rief er die Teilnehmer zur solidarischen und menschenwürdigeren Zukunft auf. 

Für Eylem Aslan-Bilir, Vorsitzende des Volkshauses Kirchheim, ist die Zeit der Pandemie ein Dauerzustand der Doppelbelastung und der Zukunftsängste. Daher sei es jetzt nicht die Zeit, Großkonzerne von Abgaben zu schonen oder in die Rüstung zu investieren. "Es muss in Bildung, Gesundheit und bessere Lebensbedingungen investiert werden", monierte Eylem Aslan-Bilir an der Kundgebung. Sie gibt dem Kapitalismus die Schuld, warum Millionen Menschen den Großteil ihres Einkommens für die Miete aufbringen müssen. "Sie verlieren ihre Lebensqualität." Mit Sorge denkt sie an die zunehmende Gewalt. "Menschen werden wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert. Es ist eine Schande, dass wir immer noch mit solchem Gedankengut konfrontiert werden." Den Kern des Problems sieht die Volkshaus-Chefin dabei im immer agiler werdenden faschistischen und rechtsextremen Gedankengut. Sie ermunterte deshalb an der Kundgebung: "Für eine befreite Gesellschaft müssen wir heute mehr denn je aufstehen und die Machenschaften bekämpfen." Raphael Lindecke, Jörg Weigele, Birgit van Straelen und Claudia La Vega umrahmten die rund einstündige 1. Mai-Kundgebung musikalisch.