HOLZMADEN: Bohnen, die glücklich machen

02.06.2021

Der Holzmadener Chris Weil schafft mit einem Startup 70 Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung

HOLZMADEN. (red) - Ein Dorfkind war Chris Weil noch nie. Er ist zwar in Holzmaden aufgewachsen, aber ihn zog es früh hinaus in die Großstädte. Erst studierte er in der Hansestadt Hamburg, verbrachte danach einige Zeit in Düsseldorf und vor fünf Jahren landete er schließlich in der Hauptstadt des Freistaates Bayern.

"München ist von den Menschen und der Nähe zur Natur her eine Traumstadt", schwärmt Chris Weil. Und dort lernte er auch seinen Kompagnon des Startup-Unternehmens "Barista Royal", Michael Halbritter, kennen. "Am Gründerstammtisch stellten wir fest, dass es zwischen uns philosophisch und menschlich passt", erinnert sich der Kaffeeproduzent an die ersten Tage der Freundschaft.

Rasch stand für die beiden fest, dass ein gemeinsames Unternehmen gegründet werden soll. Wie und womit stand zu der Zeit noch in den Sternen. Eine Gemeinsamkeit stellten die beiden allerdings nach kurzer Zeit fest: Sie sind beide Kaffee-Enthusiasten. "Wir trinken den nicht nur, wir zelebrieren sehr gerne die Zubereitung des aromatischen Getränks." Für Chris Weil wurde es zur Tradition von seinen Reisen in ferne Länder immer wieder Kaffeesorten mitzubringen. "Meinen bisher teuersten Kaffee, nämlich den Kona, brachte ich aus Hawaii mit." So war es fast zu erwarten, dass Michael Halbritter nach dem Besuch eines Kaffeemuseums die Idee hatte, ins Kaffeegeschäft einzusteigen. "Zuerst hielt die den Vorschlag für verrückt, weil der Kaffeemarkt gesättigt ist", beschreibt Chris Weil seine erste Reaktion. Doch der Gedanke an die Kaffeebohnen ließ beide nicht mehr los und sie suchten und fanden die Lösung: "Wir wollten guten Kaffee produzieren und dabei die Inklusion vorantreiben", erklärt der Barista-Chef die Entscheidung. Die Idee mit der Inklusion kam nicht von ungefähr, wie Chris Weil präzisiert: "Meine Schwester Kathrin kam vor 39 Jahren mit einer halbseitigen Lähmung zur Welt und für sie war es schwer, durch ihre Behinderung in der Berufswelt passende Arbeit zu finden." In der Familie lernte man rasch, mit der Behinderung umzugehen. "Wir schlossen uns damals der Lebenshilfe in Kirchheim an und halfen immer wieder im Café Paradiesle aus", erinnerst sich Chris Weil an seine ersten Erlebnisse mit der Inklusion.

Eigenes Café als Ziel

Die Geschäftsidee entwickelte sich weiter, Michael Halbritter und Chris Weil realisierten ihr Startup mit ersten Schritten. "Wir kontaktierten mehrere Werkstätten für Menschen mit Behinderungen, die bereits Erfahrungen im Kaffeegeschäft gesammelt hatten. Nach ersten Teströtungen stand für uns fest: das geht!", beschreibt Chris Weil die Basislegung für das Unternehmen.

Die Lieferanten für Kaffeebohnen seien rasch festgestanden. "Wir haben eine Mischung aus kleineren Plantagen, dem Direktrade und dem Großhandel. Wir haben uns Proben und Röstungen schicken lassen und diese ausführlich getestet." Mittlerweile gehören zehn Sorten, davon vier Espressi, fünf Kaffee und eine entkoffeinierte Röstung zum Angebot von Barista Royal. "Wir legen dabei Wert auf eine schonende und langsame Trommelröstung. Dadurch ist der Kaffee weniger sauer", erklärt Chris Weil. In der gesamten Produktions- und Logistikkette arbeiten hauptsächlich Menschen mit Behinderungen. "Rund 70 Menschen, die mit Autismus oder mit einer Spastik leben, finden dabei einen Arbeitsplatz, der auf ihren Fähigkeiten basiert", freut sich der Kaffee-Experte. Besonders berührt war Chris Weil von Mitarbeiter Timo, der mit Lernschwierigkeit nicht minder begeistert für das Unternehmen arbeitet. Seine Reaktion während der Fertigung der ersten Kaffee-Adventskalender: "Das war das Geilste, was ich je gemacht habe."

Diese Freude an der Arbeit beflügelt auch die beiden Inhaber der neuen Kaffeesorten: "Zum einen wollen wir unser Sortiment um Zusatzprodukte, die auch wieder von Menschen mit Behinderungen gefertigt werden, ergänzen." Der große Traum: Ein eigenes Café in München. "Wenn die Pandemiezeit vorbei ist, setzen wir uns an die Realisierung." In der Zwischenzeit hat sich der Kreis in die Heimat von Chris Weil geschlossen: "Zum einen berät uns mein Vater Roland bei der Gestaltung der Etiketten und unterstützt kräftig den regionalen Vertrieb", freut sich Chris Weil. Und der Einsatz der Familie trägt Früchte: Der Kaffee von Barista Royal ist mittlerweile im Edeka-Markt Unverricht in Weilheim, aber auch in Märkten in Kirchheim und ganz neu in Wernau zu haben.

"Wir bieten bewusst kein Massenprodukt an. So können wir die Inklusion auch regional weiter vorantreiben", hofft Chris Weil, der durch sein Startup-Unternehmen auch seiner Schwester Kathrin eine Vollzeitbeschäftigung in Ravensburg ermöglichen will. Das Motto von Michael Halbritter und Chris Weil lautet schließlich: "Mit gutem Kaffee Gutes tun."

Info: Weitere Informationen zum Startup gibt es hier