ERDBEBENHILFE FÜR KROATIEN: Vier Helfer schildern ihre Erlebnisse

07.01.2021

Am 29. Dezember 2020 ereignete sich ein Erdbeben der Stärke 6,4 auf der Richterskala. Das Epizentrum lag bei Petrinja in Kroatien. Dabei kamen mindestens 7 Menschen ums Leben und es entstanden beträchtliche Schäden. Zum Teil wurden ganze Dörfer dem Erdboden gleich gemacht und die Bewohner hausen nun ohne Hab und Gut in notdürftigen Behausungen. In Baden-Württemberg rief der ehemalige Vizepräsident des Landesfeuerwehrverband Gerhard Lay landesweit die Feuerwehren zu Sachspenden auf. An dieser Aktion beteiligten sich, nebst vieler anderer Einsatzkräfte vom DRK und den Maltesern, auch Fabian Günther, Sven Kohls, Philipp Ron und Jonas Brinn vom DRK Ortsverein Baltmannsweiler. Sie fuhren mit einem Mannschaftstransportwagen samt Anhänger im Konvoi in das Krisengebiet, um dringend benötigte Hilfsmittel zu liefern.

"Für die Entscheidung, ob wir mitfahren, blieben uns gerade mal 20 Minuten", erinnert sich Sven Kohls an den Neujahrstag. Als Sebastian Kurz, Bürgermeister von Aichtal nämlich die Aktion "Aichtal hilft" startete und diese in den sozialen Medien veröffentlichte war die Spendenbereitschaft von vielen freiwilligen Feuerwehren im Kreis sowie vom DRK und den Maltesern so groß, dass beim Beladen der Hilfsgüter klar wurde, der Platz reicht nicht aus. Martin Kuhn vom DRK Kreisverband Esslingen, der die Unterstützung seines Kreisverbandes ebenfalls angeboten hatte, wusste, dass beim Ortsverein in Baltmannsweiler noch ein Mannschaftstransporter samt Anhänger steht und bat seine Kollegen um Hilfe. "Ich habe noch nie im Leben in 20 Minuten so viel telefoniert, wie am Neujahrstag", berichtet Bereitschaftsleiter Fabian Günther von seiner Entscheidungsfindung, ob er kurzfristig nach Kroatien fahren soll. Rasch fand er drei weitere Kollegen für die unerwartete Hilfsaktion.

Die Reaktionen in den jeweiligen Familien waren gemischt und es flossen auch Tränen bei den Daheimgebliebenen, weil sich Angst breit machte. Die Neugier indes überwiegte bei den vier Einsatzkräften aus Baltmannsweiler. "Wir wussten ja nicht, was uns in Kroatien erwartet", beschreibt Jonas Brinn die Gefühle vor der Abfahrt. Nachdem die großen und kleinen Koffer sowie eilig zusammengesuchte Lunchpakete verstaut waren, war das erste Ziel das Feuerwehrgebäude in Aichtal, wo der Anhänger mit den Hilfsgütern beladen wurde. Insgesamt vier Fahrzeuge aus dem Landkreis Esslingen standen nun bereit, sich dem Hilfskonvoi in Gruibingen anzuschließen. "Nach einer Wartezeit bei den Maltesern in Kirchheim, wo wir sehr gut verpflegt wurden, gings um Zwei Uhr in der Früh endlich los", erklärt Philipp Ron. 850 Kilometer Fahrt stand dem Hilfskonvoi aus Baden-Württemberg mit insgesamt 16 Fahrzeugen nun bevor. Die Reiseroute ging von Deutschland über Österreich und Slowenien nach Zagreb in Kroatien. Es war eine zwölfstündige Fahrt, die es in sich hatte. 

"Es war die längste Blaulichtfahrt meines Lebens", erzählt Sven Kohls. Fabian Günther beschreibt die Witterungsverhältnisse: "Bei Villa in Österreich und nach der Ausfahrt aus dem Karawankentunnel, kurz vor der slowenischen Grenze gab es starken Schneefall." Auf den Autobahnen Richtung Südosten herrschte kaum Verkehr.

"Menschen flüchten - wir fahren hin"

So richtig bewusst, wo die Fahrt überhaupt hingeht wurde es den vier Rotkreuzhelfern an der Grenze zu Kroatien. Denn: In Richtung Slowenien bildeten sich in der Grenzregion kilometerlange Staus von Menschen, die aus der Erdbebenregion flüchteten. "Da wurden wir zum ersten Mal nachdenklich. 

Alle verlassen das Land und wir fahren direkt in die Gefahr", beschreibt Sven Kohls das aufkeimende mulmige Gefühl. Kurz vor dem Zielort Sisak wurde der Hilfskonvoi von Kollegen der örtlichen Feuerwehr erwartet und eskortiert. "Während der Fahrt hielten wir Ausschau, ob man von den zahlreichen Schäden schon was sehen konnte. Wir sahen, dass die Kathedrale von Sisak erkennbare Risse hatte und dass bei vielen Häusern die Dächer abgedeckt oder eingestürzt waren", erinnert sich Fabian Günther an die ersten Eindrücke in der betroffenen Region. Obwohl die Helfer aus Baltmannsweiler zuerst noch für sich dachten, alles halb so wild, kam kurz danach die Ernüchterung: "Vor einer Brücke hieß es: Einzeln passieren, wir wissen nicht, ob die Brücke standhält. Erst da wurde uns so richtig bewusst, in welche Gefahr wir uns begaben", betont Philipp Ron. "Selbst das Feuerwehrgebäude von Sisak, wo sich auch die Einsatzzentrale für das Erdbebengebiet befand, wies Beschädigungen im Gemäuer auf. Eine Wand musste sogar provisorisch abgestützt werden."

Ein besonderes Erlebnis für die DRK-Vertreter war der Jubel der Menschen, als der Hilfskonvoi nach zwölf Stunden Fahrt in Sisak eintraf. "Die Menschen standen am Straßenrand und bejubelten uns oder Autofahrer gaben Lichtzeichen und hupten vor Freude", beschreibt Fabian Günther die Ankunft in der gebeutelten Region. Nachdem die Hilfsgüter beim Feuerwehrmagazin ausgeladen waren, gings erst mal ins 45 Minuten entfernte Hotel zum Schlafen.

Verstörende Bilder vor Ort

Begleitet von Behörden und einem Dolmetscher gab es für die Helfer aus Baden-Württemberg anderntags am frühen Morgen die Möglichkeit, in einem Schadensgebiet zu schauen, ob man irgendwo bei Räumarbeiten helfen konnte. "Einer Familie, deren Hausdach zerstört war, konnten wir beim Aufspannen einer Plane über das Dach helfen", sagt Sven Kohls. Die angetroffene Situation gab verstörende Bilder frei.

"Ställe und Scheunen waren vollständig zusammengefallen und die Hausmauern wiesen starke Risse auf", präzisiert Jonas Brinn den ersten Eindruck vom Erdbebengebiet. "Es war schwierig und unangenehm für uns, dieses Leid der Dorfbewohner zu sehen. Die Menschen müssen nun in Zelten, Wohnwagen oder in Notunterkünften hausen." Für Helfer Fabian Günther war es eine irreale Situation, weil die Gefahr allgegenwärtig war. "Mario, der Kommandant der örtlichen Feuerwehr erzählte von rund 200 Nachbeben seit dem ersten starken Erdbeben am 20. Dezember." Die Exkursion in das beschädigte Gebiet brachte mehrere Erkenntnisse. Sven Kohls konkretisiert: "Zum einen war uns allen klar, dass es richtig war, hierher zu fahren, um zu helfen und zum anderen, lernten wir, dass bei Erdbeben mit diesem Ausmaß vor allem Behausungen für die Menschen gebraucht werden."

Die Einzelschicksale verursachten bei den Helfern von DRK und Malteser eine tiefe Betroffenheit. Gegen 14.15 Uhr traten die vier DRKler die Rückreise in die Heimat an und trafen in der Nach um 01.20 Uhr wohlbehalten in Baltmannsweiler ein. Froh wieder Zuhause zu sein, war sich der Helfertrupp bei der Ankunft aber einig: "Es bedarf weiterer Hilfe für die Menschen in Kroatien. Wir fahren sofort wieder nach Kroatien, wenn wir weitere benötigte Hilfsgüter bekommen."

Wohnwagen, Zelte, Behausungen aller Art dringend gesucht

Wer Sachspenden für Kroatien anmelden möchte, kann dies mit einer Mail an folgende Adresse bekanntgeben: info(at)drk-baltmannsweiler.de. "Wir suchen alle Arten von Behausungen, damit die betroffenen Menschen in der Erdbebenregion schnellstmöglich wieder ein Dach über dem Kopf haben". Der DRK Ortsverein Baltmannsweiler bündelt die Hilfsangebote und leitet diese dann an die Aktion "Aichtal hilft" weiter. Weitere Infos finden Sie auf der Internetseite des DRK Ortsvereins Baltmannsweiler.